
Ach hätte ich nur mehr Selbstvertrauen...
Seit vielen Jahren spreche ich mit Menschen, die ihre berufliche Laufbahn verändern wollten. Einige wollen in eine erfüllendere Arbeit wechseln. Andere wollen in ihrer derzeitigen Branche aufsteigen. Wieder andere suchen Unterstützung bei der Gründung eines eigenen Unternehmens oder einer Selbstständigkeit.
Vor allem die Frauen haben mich immer beeindruckt. Ich fand viele so talentiert, engagiert und voller guter Ideen und Wertvorstellungen. Wenn ich eine große Firma hätte, wären das die Art von Mitarbeiterinnen, die ich einstellen würde. Sehr oft ist es aber so, dass das Umfeld dieser Frauen ihre eigenen Fähigkeiten offensichtlich nicht so sah wie ich. Oft sehen auch die Frauen selbst sich nicht als so brillant an wie sie auf mich wirkten. Die eine Seite ist, dass vielen großartigen Frauen in ihren Organisationen schlicht gar kein Weg zur Weiterentwicklung aufgezeigt wird. Das ist auch ein schwerwiegendes Thema, auf das ich an anderer Stelle eingehen will. Hier soll es erst einmal um dieses Gefühl gehen, dass sich frau selbst nicht bereit für den nächsten beruflichen Schritt empfindet.
Mehr Selbstvertrauen kommt nie
Wenigstens an den eigenen Ambitionen lässt sich arbeiten, könnte man meinen. Inzwischen gibt es genügend Bücher und Artikel zum Thema Selbstzweifel von Frauen. Die meisten weisen auf das beunruhigende Muster hin, dass Frauen sich selbst unterschätzen, und fordern die Frauen dann auf, selbstbewusster zu werden. Ich denke inzwischen, dass dies der völlig falsche Ansatz ist. Über eine der wichtigsten Wahrheiten über Frauen und Selbstvertrauen sprechen wir immer noch nicht.
Selbstzweifel sind tatsächlich Teil des Problems. Sie halten viele talentierte Frauen - und auch talentierte Männer zurück. Aber mehr Selbstvertrauen allein ist nicht die Lösung. Die Lösung besteht vielmehr darin, ein neues Verhältnis zu den eigenen Selbstzweifeln zu finden.
Jodie Foster hat in einem Interview mit 60 Minutes gesagt, dass Sie ihren Oscar für einen Zufall zu hielt und überzeugt war, das man ihn ihr wieder wegnimmt. Kate Winslet berichtet, dass sie über weite Strecken Ihrer Karriere unter Selbstzweifeln litt und selbst von Michelle Obama habe ich gelesen, dass Sie angab, sich zeitweilig wie eine Hochstaplerin vorzukommen und glaubte, jederzeit würde ihr Unvermögen für alle offenbar.
Die Psychologinnen Pauline Rose Clance und Suzanne Imes entwickelten das Konzept des "Impostor-Syndroms" 1978 in einer Studie, in der sie leistungsstarke Frauen untersuchten. Sie fanden heraus, dass Frauen, trotz herausragender akademischer und beruflicher Leistungen oft in dem Glauben verharren, dass sie in Wirklichkeit nicht klug sind und jeden getäuscht haben, der etwas anderes denkt.
Mut bedeutet trotz Angst und Selbstzweifeln weitermachen
Was hat aber Frauen wie Jodie Foster, Michelle Obama und zahllose andere trotzdem dazu befähigt, ihre Unsicherheiten zu überwinden, in Führung zu gehen und nach ihren Vorstellungen zu gestalten? Es ist nicht das Selbstvertrauen, das diese Frauen zum Erfolg führt, sondern die Art und Weise, wie sie mit ihren Selbstzweifeln umgehen.
Viele glauben, dass sie im Beruf erfolgreicher wären, wenn sie nur mehr Selbstvertrauen hätten. Ein größeres Selbstvertrauen gehört nach der Auffassung sehr vieler meiner Gesprächspartnerinnen zu dem wichtigsten Faktor, um beruflich erfolgreich zu sein. Wichtiger als ein besseres Umfeld, als eine zusätzliche Qualifikation, sogar wichtiger als einen Mentor zu haben. Mit anderen Worten: Die meisten von uns gehen davon aus, dass Selbstvertrauen ein entscheidendes Element für unseren beruflichen Erfolg ist.
Du brauchst nicht mehr Selbstvertrauen als du momentan hast
Aber wenn wir glauben, dass wir mehr Selbstvertrauen brauchen, um erfolgreich zu sein oder unsere Ziele zu verfolgen, stehen wir vor einer eigentlich unmöglichen Aufgabe: Nämlich selbstbewusster zu werden. Wir schieben wichtige Karriereschritte und Risiken auf, während wir auf das warten, was wir als notwendiges Selbstvertrauen empfinden.
Wie wäre es stattdessen einzusehen, dass alle Menschen, die ihre Traumkarriere machen, halt mit ständigen Selbstzweifeln zu kämpfen haben? Wie wäre es zu glauben, dass man nicht mehr Selbstvertrauen braucht, als man im Moment hat? Wenn wir akzeptieren, dass sich unser ideales Bild von einer Person ohne Selbstzweifel niemals realisiert, dann können wir als unser bestes, unvollkommenes und zweifelndes Selbst in Richtung unserer Ziele schon heute losmarschieren.
Selbstzweifel gütig akzeptieren lernen
Selbstzweifel ist wie ein ständiger innerer Bewusstseinsstrom, der nie aufhört uns mit den Zweifeln zu attackieren. Wir haben uns an diese Stimme gewöhnt und halten Sie für „die Wahrheit“. Wir müssen wieder lernen, sie bewusst wahrzunehmen und zu identifizieren. Durch dieses einfache Erkennen werden wir zum Beobachter dieser Stimme, und wir haben dann die Wahl, wie wir auf sie reagieren. Wir können sie dann als Hintergrundmusik oder – etwas altmodischer – als Platte mit Sprung ansehen als „die Wahrheit“. Es ist einfach immer da, also sehen wir es milde und machen trotzdem weiter.
Die psychologische Funktion von Selbstzweifeln
Wir neigen dazu, die Selbstzweifel am lautesten zu hören, wenn wir wichtige Schritte nach vorne machen oder unsere tiefsten Bestrebungen verfolgen. Selbstzweifel sind wie ein Wächter am Rande zum Neuland. Wenn wir in der Komfortzone bleiben, ist alles in Ordnung. Wenn wir uns dem Rand nähern, wacht der Widerstand in Form von Selbstzweifeln auf und lügt uns das Blaue vom Himmel, damit wir umkehren.
Auch wenn ein Teil von Dir denkt, dass diese Selbstzweifel doch wahr sein müssen, kannst Du Dir antrainieren, sie als Ausdruck von innerem Widerstand zu identifizieren. Du kannst Dich beim Widerstand bedanken, sicherstellen, dass Du von Deiner Warte aus die angemessene Vorbereitung gemacht hast und dann schickst Du die Stimme des Selbstzweifels auf einen Kurzurlaub und wagst Deinen Schritt trotzdem. Das zu trainieren fällt mit der Zeit immer leichter.
Mut geht voran auch wenn die Überzeugung schwächelt
Mehr Mut ist das, was wir für unseren beruflichen Erfolg wirklich benötigen. Selbstbewusstsein gründet darin, dass wir an unsere Fähigkeiten und an uns selbst glauben. Mut bedeutet, vorwärts zu gehen, auch wenn wir diesen Glauben gerade nicht so spüren.
Schenken wir dem Mut mehr Aufmerksamkeit, bedeutet es, schneller zu Handeln. Auch wenn wir nicht sicher sind, dass wir eine Aufgabe gut erledigen können. Frauen dieses Jahrhunderts betreten ständig Neuland, ohne viele Vorbilder. Dazu beschwert uns ein mächtiges Erbe aus Jahrhunderten des Ausschlusses von Frauen aus dem Berufsleben.
Das Selbstvertrauen wird uns mit Sicherheit nicht immer begleiten, wenn wir neue Wege beschreiten. Aber wir brauchen kein Selbstvertrauen, um das zu tun, was wir in unserer Karriere unbedingt tun wollen. Wir müssen lernen, inmitten von Selbstzweifeln aktiv zu werden, und damit kann jede von uns heute beginnen.

6 Strategien für mehr Mut
Mut kann auf verschiedene Weise kultiviert werden, hier sind einige Vorschläge:
- Gehe bewusst in das Gefühl von Mut, wenn eine herausfordernde Situation ansteht. Statt dich auf den stetigen inneren Wasserfall aus Selbstzweifel zu konzentrieren, kannst du dich an eine gemeisterte Situation aus deinem Leben erinnern oder dir ein Vorbild aus deinem Umfeld nehmen und dich für ein Gefühl des Mutes entscheiden. Helfen kann dabei auch, wenn du dir das Positive in allen Farben ausmalst, dass du mit deiner Aktion erreichen möchtest.
- Um Mut zu trainieren ist es wichtig, dass du dich immer wieder herausfordernden Situationen aussetzt und deine Komfortzone verlässt. Beginne mit kleinen Schritten und arbeite dich langsam zu größeren Herausforderungen vor. Versuche, Dinge auszuprobieren, die du normalerweise so nicht tun würdest. Entscheide dich dabei für einen Schritt, der angemessen ungewöhnlich ist. Er sollte einen gewissen Mut erfordern, aber machbar erscheinen. So wie eine Dachschindel unter einer anderen Dachschindel verankert ist, aber dann in das Neuland hineinragt, sollte ein angemessen ungewöhnlicher Schritt noch im Rahmen des bekannten fußen, dich aber dann in Neuland tragen.
- Es gibt Möglichkeiten, den inneren Wächter mit seinen Selbstzweifeln zu überlisten, indem du dir möglichst kleine Schritte auszudenken, die du in Angriff nehmen wirst. Diese Schritte sollten kontinuierlich und sehr klein sein, damit die Selbstzweifel nicht überhandnehmen. Probiere, ob du mit dieser Strategie gut vorankommst. Kombinieren Sie mir anderen Methoden für mehr Mut.
- Suche den Austausch und die Gesellschaft von Frauen, die mutig sind und von denen du lernen kannst.
- Wenn du mutig gewesen bist, erkenne das an und feiere deinen Erfolg. Am besten mit anderen Frauen. Dann kannst du gleich etwas vom Mut als gutes Beispiel zurückgeben.
- Achtsamkeitsübungen, wie Meditation oder Yoga, können helfen, dich bei großen Selbstzweifeln zu stabilisieren und einen klaren Kopf zu behalten. Mehr innerer Frieden kann zu mehr Stärke im Alltag und zu mehr Mut für neue Wege führen.
